Atypische Weidemyopathie der Pferde

Aus aktuellem Anlass möchten wir Sie über diese zum Teil dramatisch verlaufende Erkrankung der Pferde informieren. In den letzten Tagen sind mindestens 46 Pferde in Nordrhein-Westfalen an den Folgen der Atypischen Weidemyopathie eingegangen.

Es handelt sich dabei um eine saisonal auftretende Muskelerkrankung in den Monaten Oktober bis Dezember, der nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen die Aufnahme von reifen Ahornsamen (genauer: Bergahorn) auf der Weide zugrunde liegen könnte. In anderen Studien wurde das letale Toxin eines Bakteriums (Clostridium sordelli) für die Erkrankung verantwortlich gemacht (Unger-Torroledo, 2010).

In einer Studie aus den USA, wo eine vergleichbare Erkrankung unter dem Namen „seasonal pasture myopathy“ bekannt ist, konnten bei betroffenen Pferden konjugierte Metaboliten von Hypoglycin A (Methylencyclopropyl-Acetat, MCPA) nachgewiesen werden, einem Inhaltsstoff des Eschen-Ahorns (Acer negundo) (Valberg, 2013). In Studien aus der Pferdeklinik der Universität in Lüttich konnten bei betroffenen Pferden in Belgien ein Zusammenhang mit dem in Europa weit verbreiteten Bergahorn (Acer pseudoplatantus) hergestellt werden. Es scheinen nach dieser Studie generell Bäume und gefallenes Laub im Zusammenhang mit der Atypischen Weidemyopathie zu stehen (vanGalen, 2012). Aktuell werden Blutproben aus Europa in Minnesota untersucht um dieses Gift auch in Pferden aus Europa nachzuweisen.

Zu Beginn der kalten Jahreszeit, insbesondere bei hoher Luftfeuchte, Wind und nächtlichen Temperaturen unter 8°C, fallen die Samen auf den Grund der Weide und werden mit dem Weidegras zusammen aufgenommen. Diese Toxine führen zu einer Schädigung des mitochondrialen Fettsäure-Energiestoffwechsels in der Muskelzelle. Die Zellen gehen zugrunde und die daraus freiwerdenden Substanzen sind klinisch und labordiagnostisch nachweisbar.

Betroffene Pferde zeigen Symptome, die einzeln oder in Kombination zueinander auftreten können:

Gemein ist den meisten Pferden, dass sie bräunlich-roten bis hin zu Kaffee-farbenem Urin ausscheiden. Die Ursache dafür ist im Untergang der Muskelzellen zu sehen. Der freiwerdende „Muskelfarbstoff“ Myoglobin wird über die Niere ausgeschieden und färbt den Urin.

Weitere Anzeichen sind eine erhöhte Herzfrequenz bei normaler Körpertemperatur, gerötete Schleimhäute, Schwäche, Apathie mit hängendem Kopf und nachfolgenden Ödemen im Kopf, Zittern, Steifheit bis hin zum Festliegen und Tod der Pferde. Einige Pferde zeigen zusätzlich Kolik-Symptome. Nahrungsverweigerung konnte ebenso beobachtet werden wie ungestörter Appetit.

Die meisten Pferde, bei denen die atypische Weidemyopathie nachgewiesen werden konnte, befanden sich zwischen 6 und 24h täglich auf einer Weide mit Baumbestand und waren in einer normalen Körperkondition. Während früher die Prognose für betroffene Pferde beinahe aussichtslos erschien, konnte die Lütticher Studie aus 2012 eine Überlebensrate von bis zu 26% konstatieren.

Die effektivste Methode zur Prävention der Atypischen Weidemyopathie umfasst im Wesentlichen folgende Punkte:

- In der Risikozeit sollte die Weidedauer 6 Stunden nicht überschreiten

- Die Pferde sollten nicht auf Weiden mit Baumbestand (besonders Ahorn!), Altholz oder Laub gehalten werden.

- Auf stark verbissenen Weiden sollten die Pferde mit ausreichend Heu zugefüttert werden.

In jedem Verdachtsfall sollten Sie schnellstmöglich Ihren Haustierarzt zu Rate ziehen und gegebenenfalls die nächste verfügbare Tierklinik aufsuchen um die Chance für das Überleben ihres Tieres zu wahren.

Gerne stehen wir Ihnen für weitere Fragen zu diesem Thema zur Verfügung.

 

Literaturstellen:

 

Unger-Torroledo, Straub et al. (2010): Lethal Toxin of Clostidium Sordellii is associated with fatal equine atypical myopathy. Vet. Microbiol. 144, 487-492

VanGalen, Marcillaud-Pitel et al. (2012): European Outbreaks of atypical myopathy in grazing equids (2006 – 2009): Spatiotemporal distribution, history and clinical features. Equine Vet J. 44, 614-620

VanGalen, Saegermann et al. (2012): European Outbreaks of atypical myopathy in grazing horses (2006 – 2009): Determination of indicators for risk and prognostic factors. Equine Vet J. 44, 621-625

Valberg, Sponseller et al. (2013): Seasonal pasture myopathy/atypical myopathy in North America associated with ingestion of hypoglycin A within seeds of the box elder tree. Equine Vet J. 45, 419-425